| Heinrich Heine - Aus der Harzreise -
(1824)
"Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte
Tannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Überall
schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch von den
schönsten Moosarten, wie mit hellgrünen Sammetpolstern, bewachsen.
Liebliche Kühle und träumerisches Quellengemurmel. Hier und da sieht
man, wie das Wasser unter den Steinen silberhell hinrieselt und die
nackten Baumwurzeln und Fasern bespült. Wenn man sich nach diesem
Treiben hinabbeugt, so belauscht man gleichsam die geheime
Bildungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen des
Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser aus den Steinen und
Wurzeln stärker hervor und bildet kleine Kaskaden. Da läßt sich gut
sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar, die Vögel singen
abgebrochene Sehnsuchtslaute, die Bäume flüstern wie mit tausend
Mädchenzungen, wie mit tausend Mädchenaugen schauen uns an die
seltsamen Bergblumen, sie strecken nach uns aus die wundersam
breiten, drollig gezackten Blätter, spielend flimmern hin und her
die lustigen Sonnenstrahlen, die sinnigen Kräutlein erzählen sich
grüne Märchen, es ist alles wie verzaubert, es wird immer heimlicher
und heimlicher, ein uralter Traum wird lebendig, die Geliebte
erscheint - ach, daß sie so schnell wieder verschwindet!
Je höher man den Berg hinaufsteigt, desto kürzer, zwerghafter
werden die Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr
zusammenzuschrumpfen, bis nur Heidelbeer- und Rotbeersträuche und
Bergkräuter übrigbleiben. Da wird es auch schon fühlbar kälter. Die
wunderlichen Gruppen der Granitblöcke werden hier erst recht
sichtbar; diese sind oft von erstaunlicher Größe. Das mögen wohl die
Spielbälle sein, die sich die bösen Geister einander zuwerfen in der
Walpurgisnacht, wenn hier die Hexen auf Besenstielen und Mistgabeln
einhergeritten kommen, und die abenteuerlich verruchte Lust beginnt,
wie die glaubhafte Amme es erzählt,
...
In der Tat, wenn man die obere Hälfte des Brockens besteigt, kann
man sich nicht erwehren, an die ergötzlichen Blocksbergsgeschichten
zu denken, und besonders an die große, mystische, deutsche
Nationaltragödie vom Doktor Faust. Mir war immer, als ob der
Pferdefuß neben mir hinaufklettere, und jemand humoristisch Atem
schöpfe. Und ich glaube, auch Mephisto muß mit Mühe Atem holen, wenn
er seinen Lieblingsberg ersteigt; es ist ein äußerst erschöpfender
Weg, und ich war froh, als ich endlich das langersehnte Brockenhaus
zu Gesicht bekam."
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